„Unter Leuten“ Juli Zeh

Wenn etwas funktionierte, machten sie es mit ihrer Änderungswut kaputt, bis es wieder Probleme gab, mit deren Lösung sie sich profilieren konnten. – Seite 19

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Alles sollte immerzu wachsen und streben, auch wenn niemand mehr wuste in welche Richtung es ging – Seite 19

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Behördenpost verhieß niemals etwas Gutes. Der Staat verschickte keine Briefe, in denen er sich bei seinen Bürgern für gesetzestreues Verhalten, braves Steuerzahlen oder die Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen bedankte. Der Staat war wie ein falscher Freund, der sich nur meldete, wenn er etwas wollte, Geld eintreiben, Maßregeln verhängen, Verbote erlassen. – Seite 45

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Er wurde nicht müde seinen Kunden zu erklären, dass Erfolg vor allem Konzentrationsfähigkeit vorraussetzte. Man musste sich einer Sache vollständig widmen, statt ständig in alle Richtungen nach möglichen Gefahren Ausschau zu halten. – Seite 59

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„Ich bringe den Leuten bei, Chef zu sein“, sagte Franzen. „Wer anderen seinen Willen aufzwingen kann, hat keine Angst.“

„Jetzt bin ich aber gespannt.“

Franzen erklärte ihre Methode: Eine Übersetzung für „Macht“ sei die Frage „Wer bewegt wen“. Der Mensch müsse das Pferd bewegen, niemals umgekehrt. Das Pferd habe dem Menschen in jeder Situation zu weichen. Sie zeige ihren Kunden, wie man von vorne auf das Pferd zugehe, so dass es zurücktreten müsse. Nähere man sich von schräg hinten, werde das Pferd vorwärts laufen, trete man an die Körpermitte des Pferdes heran, weiche es zur Seite. Umgekehrt werde das Pferd dem Menschen automatisch folgen, wenn er ihm Platz mache. Daraus ergebe sich mit etwas Übung ein fein abgestimmter Tanz, und we den beherrsche sei eine Führungspersönlichkeit. Nicht nur in der Pferdewelt.

„Aber warum sollte ein Pferd dieses Spiel mitspielen statt sie einfach umzurennen?“

..“Mit Pferden ist es wie mit Menschen. Die allermeisten haben in Wahrheit überhaupt kein Interesse daran, Chef zu werden. Sie verzichten gern auf eine Beförderung, um sich in Ruhe dem Grasen zu widmen.  Pflanzenfresser eben. Die wollen nichts weiter als klare Anweisungen und ein sicheres Umfeld.“

Wenn man zu den seltenen Exemplaren gehöre, die tatsächlich Befehle erteilen wollen, fügte Frenzen hinzu, genüge es im Normalfall, die richtigen Signale zu setzen. – Seiten 60 / 61

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„Ein Schritt nach dem anderen. Das ist meine Philosophie. Immer nur an den nächsten Schritt denken, dann kommt man ans Ziel, irgendwann. Das ist der Weg der kleinen Leute, denen nichts geschenkt wird.“ – Seite 67

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„Politik“ waren Leute, die eine Firma wie die seine kaputtsparten, um anschließend 20 Arbeitslose durchzufüttern. – Seite 100

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Wenn sich Datenschützer in der Zeitung wegen Überwachung im Internet ereiferten, musste Kron regelmäßig lachen. Man nusste nur ein handelsübliches Dorf besuchen, um zu verstehen, was der gläserne Mensch tatsächlich war. – Seite 211

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Der Mann auf der Bühne stammte aus einer anderen Welt, und war gekommen, um die Dörfler über den Tisch zu ziehen. Da galt eine alte Regel von der Uni. Wer einen Beamer mitbringt, ist ein Betrüger. – Seite 124

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Vielleicht weil sie sich lange genug kannten, um zu einer Familie geworden zu sein, in der man – wie in allen Familien – Dinge tat, ohne die Gründe zu kennen. Die beste Erklärung bestand wohl darin, daß sich zwischen Menschen niemals etwas ändere. – Seite 275

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Zu Meilers Prinzipien gehörte es, wenigstens sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, wenn schon die Welt zu fast 100 Prozent aus Heuchelei bestand. – Seite 287/88

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Seiner Erfahrung nach wurden die schlimmsten Übel auf der Welt nicht durch böse Menschen bewirkt. Von denen gab es in Wahrheit erstaunlich wenige. Viel gefährlicher waren Leute, die sich im Recht glaubten. Sie waren ungeheuer zahlreich und sie kannten keine Gnade. – Seite 438

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Vielleicht, dachte Arne, werden Gefühle einfaach nicht so alt wie Menschen. Ab einem gewissen Alter leben Ehepartner wie Mitbewohner in einer WG, falls sie nicht längst geschieden waren. Kinder und Eltern hörten auf, einander zu mögen, besuchten sich trotzdem und waren froh, wenn der andere wieder verschwand. Freunde verloren sich aus den Augen, Nachbarn verwandelten sich in Feinde, Liebschaften wurden lästig, alte Schulkameraden peinlich, und selbst ein Haustier fing irgendwann an zu nerven. Jenseits von jugendlichen Leidenschaften begegnete man der Welt mit Pragmatismus. Arne beschloss, dass das normal war, es wurde nur selten darüber gesprochen.  Kein Grund zur Sentimentalität. – Seite 441

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Bäume besaßen keine Vergangenheit. Auch Käfer und Ameisen, Vögel, Hasen oder Rehe hielten sich nicht mit dem auf, was hinter ihnen lag, sondern befolgten den Befehlen des Augenblicks. Nur der Mensch wollte das Leben partout als Straße und nicht als Zustand verstanden wissen, weshalb er sich selbst und andere mit Ereignissen quälte, die schon stattgefunden hatten oder noch kommen sollten. Wenn nichts und niemand außer dem Menschen so etwas wie Vergangenheit kannte, lag die Vermutung nahe, dass es sich um eine menschliche Erfindung handelte. – Seite 483

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Wenn ich in Unterleuten ein gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat. – Seite 630

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